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Psychische Ursachen und Einflüsse

 

Kapitel aus:
Jutta Riedel-Henck
Weinendes Baby – Ratlose Eltern
Wie Sie sich und Ihrem »Schrei-Baby« helfen können«.
München: Kösel, 1998.

 

Mit meiner Tochter auf dem Schoß, deren nächste Quengelphase ich in jedem Moment erwartete, lauschte ich einem Gespräch zwischen zwei Müttern im Wartezimmer einer Arztpraxis. Die erste Mutter hatte ich schon eine Weile beobachtet. Ihre etwa vier Monate alte Tochter quietschte vergnügt vor sich hin, während sie mit einem Plüschtier spielte. »Du hast aber gute Laune, da wird sich der Arzt freuen!«, sprach die Frau zu ihrem Baby und lehnte sich entspannt zurück. Sie erntete einige freundlich grinsende Blicke der Anwesenden und begrüßte bald die zweite Mutter mit Baby in ähnlichem Alter – sie schienen einander flüchtig zu kennen. Die Hinzugekommene stöhnte und erzählte, wie anstrengend sie die ersten Wochen mit ihrem Kind erlebt hatte, es gäbe Probleme mit dem Stillen und wenig Schlaf, und sie habe sich das alles nicht so schlimm vorgestellt. »Ja? Bei mir überhaupt nicht! Stillen geht prima, der Alltag auch – alles bestens.« Unvorstellbar, dachte ich und spürte neidische Gefühle in mir hochsteigen. Die Mutter des »glücklichen« Babys wirkte stark und selbstbewusst; ich fühlte mich niedergeschlagen und unsicher. Jana saß ruhig auf meinem Schoß, und es gab eigentlich keinen Grund, ängstlich zu sein – aber ich war es. Die letzten drei Monate hatten mein Selbstvertrauen erschüttert, ich lebte in einem Zustand ständiger Erwartung neuer Katastrophen, unzählige Zeitzünder erahnte ich in der Bombe Baby, meiner Tochter, deren Explosionen ich wie einen kriegerischen Angriff auf meine Seele empfand – trotz aller Liebe.

Lag es vielleicht doch an mir? War ich zu nervös? Machte ich mir zu viele Gedanken? Kurbelte ich ununterbrochen an den heißgelaufenen Mühlrädern unseres Nervensystems, so dass Ruhe gar keine Chance mehr hatte sich einzustellen?

Immer wieder gab es Phasen länger anhaltender Ruhe und guter Laune, und ebenso häufig begann ich, mich zu entspannen, in der Hoffnung, es möge endlich so bleiben. Ich wurde ruhig, aber meine Tochter reagierte auf diese Schwingungen nicht grundsätzlich wie ein Spiegel oder Messgerät. Jana hatte ihren eigenen Rhythmus, sie war kein bloßes Nervenbündel, das sich von seiner Umwelt manipulieren und führen ließ. In meiner Tochter begegnete mir eine echte Persönlichkeit mit individuellem Charakter, einem starken Drang sich zu verkünden, deren wache Augen die Umwelt zu erfassen suchten, energisch Wünsche und Bedürfnisse äußernd, indem sie schrie, wenn ihr danach war und so lange sie es nötig hatte.

Zurück ins Wartezimmer: Der Kinderarzt hatte viel zu tun, und die Zeit des Wartens dehnte sich aus. Jana war noch immer umgänglich. Unterdessen wandelte sich das Bild des fröhlich quietschenden Babys und seiner selbstbewussten Mutter: Das kleine Mädchen begann zu nörgeln, und ich sah, wie das Gesicht der Mutter ängstliche Züge annahm. Das Baby war hungrig und müde geworden, sein Unbehagen hatte eine greifbare und leicht zu beantwortende Ursache: Es wurde gestillt, aber die gute Stimmung war verflogen. Ich war etwas verblüfft und stellte ernüchtert fest, dass nur die blendende Laune des Babys seine Mutter selbstbewusst erscheinen ließ, und malte mir aus, wie dieselbe Frau mit einem untröstlich weinenden Baby im Arm auf mich gewirkt hätte. Meine Gefühle des Neids schwanden, und ich erkannte zu meiner Stärkung, dass Angst und Unsicherheit in der Natur des Elterndaseins liegen mussten und ihre notwendige Daseinsberechtigung haben.

Diese kleine Episode, aus der Erinnerung nacherzählt, mag ein wenig veranschaulichen, wie abhängig unsere Sichtweise von dem jeweiligen subjektiven Empfinden ist. Körperliche Krankheiten haben zumeist wahrnehmbare Symptome, sie lassen sich in Kategorien ordnen, miteinander vergleichen und in Verbindung bringen, durch Röntgenaufnahmen oder Ultraschall sichtbar machen, hörbar über geräuschverstärkende Instrumente, analysierbar unter dem Mikroskop usw. Wie aber soll man die Ängstlichkeit einer Mutter messen und mit ähnlichen Gefühlen anderer Mütter vergleichen? Wie können Empfindungen statistisch erfasst und ausgewertet werden?

Es gibt tatsächlich Studien, in denen Zusammenhänge mütterlicher Gefühle und anderer persönlicher Faktoren mit dem übermäßigen Schreien von Babys untersucht wurden. Die Methoden und Aussagen unterscheiden sich voneinander und weisen zum Teil gegensätzliche Ergebnisse auf. W. B. Carey kommt auf Grund seiner Studie zu der Annahme, dass Koliken häufiger bei Babys »ängstlicher« Mütter auftreten, bemerkt aber, dass nicht alle »Kolik-Babys« ängstliche Mütter hätten und diese Faktoren alleine nicht immer ausschlaggebend seien. Die von Carey kritisierte Studie des Jack L. Paradise dagegen findet keine auffällige Beziehung zwischen mütterlichen Gefühlen und Koliken bei Babys:

 

Signifikante Kolik entwickelte sich bei 23 % von 146 normalen Neugeborenen. Ihr Auftreten war ohne Beziehung zu den Einkommensverhältnissen der Familie, zum Alter der Mutter, Geburtsfolge, Geschlecht, Gewichtszunahme, Fütterungsart oder familiär auftretenden allergischen oder gastrointestinalen Störungen. Höhere Intelligenz und höherer Ausbildungsstand der Mütter schienen mit einem häufigeren als durchschnittlichen Auftreten der Kolik verbunden, vielleicht auf Grund der besseren Berichte oder geringerer Toleranz auf Seiten der Mütter. Das Auftreten von Kolik zeigte keine Beziehung zu emotionalen Faktoren der Mütter [...]. Die meisten Mütter von Kindern mit Kolik waren stabil, lebenslustig und feminin. Diese Feststellung [...] bestätigt nicht die häufig behauptete Ansicht, dass Kolik von einem ungünstigen emotionalen Klima herrührt, das von unerfahrenen, ängstlichen, feindseligen oder unmütterlichen Müttern geschaffen wird. Durch Aufklärung über diese Zusammenhänge können Ärzte Eltern vor unberechtigten Selbstbezichtigungen und Ängstlichkeit bewahren. (Paradise, 123)

 

Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung wie Paradise kommt Benjamin A. Shaver, der in seiner Studie 57 Frauen ab dem zweiten Trimester ihrer Schwangerschaft bis sechs Monate nach der Geburt mit ihren Babys untersuchte. Die Mütter der »Kolik-Babys« wiesen keine statistisch bedeutenden Unterschiede in ihrer Persönlichkeit zu denen »kolikfreier« Babys auf. Das übermäßige Schreien beeinflusste jedoch die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Am Ende der ersten drei Lebensmonate zeigten sie sich weniger zuversichtlich und vertrauensvoll und hatten eher Schwierigkeiten, ihr Kind zu akzeptieren. Dieser Zustand der Unsicherheit zeigte keine Beständigkeit und war zwei Monate nach Abklingen der Unruhephase verschwunden.

Ronald S. Illingworth erwähnt in einem 1985 erschienenen Artikel, dass ihm und anderen Kinderärzten auf Grund klinischer Eindrücke keine charakteristischen Merkmale bei Müttern aufgefallen seien, deren Babys unter Koliken litten. Würde mütterliche Ängstlichkeit Koliken bei Babys verursachen, müsste man annehmen, dass Erstgeborene häufiger davon betroffen seien. Dies sei jedoch nicht der Fall, wofür es ausreichend Beweise gäbe. (Illingworth, »Infantile colic«, 981)

 

So hat sich z. B. in größeren Studien gezeigt, dass weder Jungen noch Erstgeborene mehr als Mädchen oder Spätergeborene schreien [...]. Allerdings suchen Mütter von Erstgeborenen häufiger, wahrscheinlich auf Grund geringer Erziehungserfahrung, Hilfe bei Ärzten als Mütter von zweitgeborenen oder spätergeborenen Kindern. (Wolke, 159)

 

Auch neuere Studien, die nach Zusammenhängen zwischen „exzessivem Schreien“ und einer gestörten Mutter-Kind-Bindung sowie familiären Kommunikationsproblemen forschen, bringen keine eindeutigen Ergebnisse, aus denen zweifellos hervorginge, dass übermäßiges Schreien auf eine psychische Besonderheit oder Störung der Mutter zurückzuführen sei. Wissenschaftliche Studien lassen sich vielfältig interpretieren und verleiten zu vorschnellen Schlussfolgerungen, die für die Praxis keine uneingeschränkte Gültigkeit haben.

Ein verbreitetes Vorurteil, das heute noch immer ohne Zweifel in einigen Zeitschriften und Büchern für Eltern geäußert wird, behauptet, Mütter seien mangels Erfahrung unsicher im Umgang mit ihrem ersten Kind, so dass die daraus resultierende Nervosität sich auf das Baby übertrage, welches mit Koliken bzw. übermäßigem Schreien reagiere. Es fällt schwer, sich als Mutter eines einzigen Kindes gegen solche Beschuldigungen zu wehren, die schließlich in sich tragen, dass Frauen mit mehreren Kindern bessere Mütter seien.

Das Verb »fühlen«, dessen Grundbedeutung wahrscheinlich »tasten« ist, wurde zunächst auf alle körperlichen, »im Deutschen seit dem 18. Jahrhundert auch auf seelische Empfindungen übertragen« (Dudenredaktion, 190). »Gefühl« meint demnach den »Tastsinn« sowie die »seelische Stimmung«. Fühlen bzw. Tasten ist also ein ganz natürlicher und notwendiger Vorgang, eine Voraussetzung, um als Einzelwesen die Umgebung zu erkunden und sich mit seinen Sinnen danach auszurichten – ein immerwährendes Wechselspiel: Ein Neugeborenes ertastet mit seinen Lippen die Brustwarzen seiner Mutter, es riecht, hört, sieht und greift. Die Mutter tastet auf ihre Weise nach dem Baby. Beide beginnen, einander fühlend kennen zu lernen. Ein aufregendes und lebenswichtiges Abenteuer erlebt das kleine, noch völlig ausgelieferte Wesen, und ebenso sensibel wird es jede Störung wahrnehmen und beantworten.

Es mag z. B. vorkommen, dass ein Baby sich bei der Unterhaltung mit seiner Mutter gestört fühlt und durch Schreien reagiert, weil es zu vielen Reizen ausgeliefert und überfordert ist. Hält die Störung an, steigert es sich in sein Schreien hinein. Vielleicht hat es Angst, den Kontakt zu verlieren? Vielleicht ist es einfach wütend, weil es so schön war? In einem solchen Fall können natürlich Spannungen in der Familie dazu beitragen, dass ein Baby schreit, ohne dass sich die Mutter überängstlich, nervös und unruhig verhalten hat. Auch freundlich gemeinte Besuche sind für manches Baby bereits so aufregend, dass es überreizt reagiert.

Während ein Erwachsener in der Lage ist, die unruhigen Umstände zu beeinflussen oder sich ihnen zu entziehen, drückt ein Baby sein Unbehagen durch Schreien und unkoordiniert wirkende Körperbewegungen aus. Es ist darauf angewiesen, dass seine Eltern oder andere Bezugspersonen sein Bedürfnis nach Ruhe erkennen und für dessen Erfüllung sorgen.

Was in der Theorie einfach klingt, ist nicht immer so leicht in die Praxis umzusetzen. Vielleicht sind die Großeltern enttäuscht, wenn sie nach Hause geschickt werden, obwohl sie stolz ihr Enkelkind zu bewundern gedachten. Oder die Wohnung bietet nicht genügend Platz für einen Rückzug von Mitbewohnern und Familienmitgliedern. Ein sensibles und leicht irritierbares Baby erfordert unter Umständen, dass seine Familie mitsamt Angehörigen, Bekannten- und Freundeskreis liebgewonnene Gewohnheiten und Bräuche aufgibt, die ihr bisher Halt bedeutet hatten und deren Fehlen zu weiterer Verunsicherung beiträgt. Niemand muss deshalb überängstlich oder psychisch gestört sein, wenn ihn solch einschneidende Veränderungen aus dem seelischen Gleichgewicht bringen.

Mit der Geburt eines Kindes, besonders wenn es das erste ist, tritt wohl für alle Eltern eine entscheidende Wende ein. Gedanken an ein Baby lassen sich noch beliebig herbeiholen, variieren und verdrängen. Ist das Kind aber einmal real geboren und am Leben, fordert uns seine unwiderrufliche Präsenz rund um die Uhr. Nicht nur das Neugeborene muss eine enorme Leistung vollbringen, sich außerhalb des Mutterleibes zurechtzufinden – auch seine Eltern durchleben in dieser Zeit einen Prozess der Neuorientierung.

Während der ersten Lebenstage meiner Tochter, die ich mit ihr noch im Krankenhaus verbrachte, hatte ich einige Gelegenheiten zu erfahren und beobachten, wie störanfällig die Kennenlernphase zwischen Mutter und Neugeborenem ist und wie leichtfertig Außenstehende sich in diese junge Beziehung einmischen. So wurde mir z. B. davon abgeraten, Jana auf meinen Bauch zu legen, da Infektionsgefahr bestünde. Klinikpersonal betrat zu den unterschiedlichsten Anlässen die Krankenzimmer, egal, ob gerade gestillt wurde oder eine Mutter zu schlafen versuchte. Kommentare von Kinderschwestern wie »Was? So wenig?«, nachdem das eben gestillte Baby gewogen wurde, trafen einige Mütter tief. Mit Blumensträußen »bewaffnet« stürmten Besucher die Zimmer der Wöchnerinnenstation. Manchmal fragte ich mich, ob die Bedürfnisse der Babys, deren Ankunft hier gefeiert wurde, überhaupt noch Platz hatten, erkannt zu werden.

Ich glaube, es ist für alle Eltern von großem Wert, wenn sie lernen, ihr seelisches Befinden ernst zu nehmen und anzuerkennen, dass Probleme im Umgang mit Kindern eine natürliche Voraussetzung sind, einander kennen zu lernen und gemeinsam zu wachsen. Gefühle lassen sich weder normen noch in vorgefertigte Musterbehälter stecken. Sie gehören zur Grundlage unseres Lebens und sind Bedingung körperlicher Existenz.

 

Zusammenfassung:

Dass mütterliche Ängstlichkeit und Nervosität Koliken bzw. übermäßiges Schreien verursachen würden, ist ein verbreiteter Glaube. Daraus resultierende Vorurteile, dass z. B. Erstgeborene häufiger von Koliken betroffen seien, konnten jedoch durch größere Studien widerlegt werden. Untersuchungen und Erfahrungen legen nahe, dass seelische Verunsicherungen eher Ergebnis als Ursache des übermäßigen Schreiens eines Babys sind. Dabei kommt es schnell zu einem Kreislauf zwischen kindlicher Unruhe und familiärem Stress, wobei die eigentlichen Schrei-Ursachen immer mehr ins Dunkel geraten.

Seelische und zwischenmenschliche Spannungen erschweren die ohnehin belastete Verständigung zwischen Mutter (Eltern) und Kind. Ständige Alarmbereitschaft, gesteigerte Sensibilität und Verletzbarkeit tragen dazu bei, dass Mütter an ihren Fähigkeiten zweifeln und verlernen, intuitiv und spontan auf die Signale ihres Babys zu reagieren. (Selbst-) Beschuldigungen und auf Spekulationen bauende Verurteilungen durch Außenstehende führen deshalb zu einer Verschlimmerung des Unruhezustandes und sollten entsprechend vermieden werden.

 

Quellen:

Carey, W. B.: »Maternal anxiety and infantil colic – is there a relationship?«
In: Clinical Pediatrics, 7, 1968: 590-595.

Dudenredaktion, Wissenschatlicher Rat der (Hrsg.): Der große Duden.
Bd. 7. Herkunftswörterbuch. Mannheim: Bibliographisches Institut, 1963.

Illingworth, Ronald Stanley: »Infantile colic revisited«. In: Archives of Desease in Childhood, 60, 1985: 981-985.

Paradise, Jack L.: »Maternal an other factors in the etiology of infantile colic«.
In: Journal of the American Medical Association, 197, 1966: 123-131.
(Deutsche Übersetzung der angeführten Zitate von Herbert Henck, Deinstedt.)

Shaver, Benjamin A.: »Maternal personality and early adaptation as related to infantile colic«.
In: Psychological Aspects of a First Pregnancy and Early Postnatal Adaption.
P. M. Shereshefsky/L. J. Yarrow (Hrsg.). New York: Raven Press, 1973: 209-215.

Wolke, Dieter: »Die Entwicklung und Behandlung von Schlafproblemen und exzessivem Schreien im Vorschulalter«. In: Verhaltenstherapie mit Kindern. Franz Petermann (Hrsg.). München: Gerhard Röttger, 21993: 154-298.

 

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